Harfenmädchen und Königsharfen

Eins der ältesten Instrumente der Welt

Die Harfe gilt als eins der ältesten Instrumente der Welt und wurde vermutlich aus dem Jagdbogen entwickelt. Zunächst könnte sie als eine Art Maultrommel verwendet worden sein: dabei wirkte die Mundhöhle als Resonator und die Sehne des Bogens wurde angeschlagen. Später wurde die Mundhöhle durch einen Kürbis ersetzt und der Bogen mit immer mehr Saiten versehen. Ägyptische Grabmalereien zeigen große sog. „Bogenharfen“. Kleine Bogenharfen werden immer noch in Afrika und Asien gespielt. „Winkelharfen“, aus zwei Einzelteilen zusammengesetzt, wurden in Assyrien, Mesopotamien und Griechenland gespielt.

„Rahmenharfen“ aus Schottland und Irland

Die frühsten europäischen Abbildungen einer aus drei Teilen (Klangkörper, Vorderstange, Hals) zusammengesetzten „Rahmenharfe”, sind auf piktischen Steinkreuzen des 8.-11. Jahrhunderts in Nordschottland zu sehen. Auch in Irland tauchen Harfendarstellungen im 11. Jahrhundert auf. Der Klangkörper einer „Clarsach“ bzw. „Cláirseach“ wurde aus einem ganzen Stück Holz geschnitzt und mit einem Deckel hinten verschlossen. Die Saiten waren aus Messing, was eine ganz besondere Spieltechnik erforderte, denn sie wurden mit den Nägeln statt mit den Fingerkuppen angerissen. Dies erzeugt einen resonanten, glockenähnlichen Klang, aber der lange Nachhall kann zu Dissonanzen führen. Um dies zu vermeiden, müssen die Saiten, die nicht mehr klingen sollen, wieder mit den Fingerkuppen gestoppt oder abgedämpft werden, während, die konsonanten also nicht dissonant klingenden Saiten, weiterschwingen– die sog. "damping technique“. Durch die englische Herrschaft in Irland und Schottland starb diese Tradition Anfang des 19. Jahrhunderts aus.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Revitalisierung der Harfe in Schottland und Irland. Dabei diente als Vorbild nicht die alte Cláirseach mit Metallsaiten, sondern die moderne Pedalharfe. Diese neuen Harfen wurden zwar mit einer gebogenen Vorderstange versehen, die an das ursprüngliche Instrument erinnert, waren aber sonst von der Bauweise her wie Pedalharfen mit einem hinten abgerundeten Korpus gebaut und mit Darm besaitet. Kleine „Blades“, Plättchen aus Messing, dienten als Umstimmvorrichtung. Die moderne, sogenannte „keltische Harfe“ mit Halbtonklappen und Darm- oder Nylonsaiten ist auf diese Entwicklung des 19. Jahrhunderts zurückzuführen.

Von romanischen bis zu gotischen Harfen in Mittelalter, Renaissance und Barock

Im europäischen Mittelalter galt die Harfe als königliches Instrument und wurde häufig im Zusammenhang mit König David dargestellt. Diese sog. "romanischen Harfen" hatten einen leicht geschwungenen Hals mit ausgeprägt runder Schulter und einem breiten Umriss - Schulter und Kopf  waren fast auf der gleichen Höhe. Sie hatten vermutlich Saiten aus Darm. Wie die schottischen und irischen Harfen war der Klangkörper wahrscheinlich aus einem massiven Holzblock geschnitzt und hinten mit einem Deckel verschlossen.

Im 15. Jahrhundert änderte sich die Form der Harfe dramatisch. Sie wurde hoch und schmal mit hochragendem spitzem Kopf und spitzer Schulter. Sie wird deswegen als "gotische Harfe“ bezeichnet. Die Klangkörper waren nach wie vor aus einem Stück Holz geschnitzt und hatten einen ovalen Querschnitt. Bezeichnend für diese Harfen sind die sog. "Schnarrhaken". Mit einem Ende dieser kleinen Haken aus Holz wurde die Saite in der Klangdecke befestigt. Das andere Ende war so angebracht, dass die Saite beim Anzupfen dagegen schlug und der Harfe ihren charakteristischen schnarrenden Klang verleihen.

Weltweite interkulturelle Weiterentwicklung

Um den musikalischen Ansprüchen, die immer mehr chromatische Töne erforderten, nachzukommen, wurden Mitte des 16. Jahrhunderts Harfen mit mehreren Saitenreihen entwickelt. Die iberische arpa de dos órdenes hatte zwei gekreuzte Saitenreihen. Die italienische arpa doppia hatte zwei bis drei parallele Saitenreihen. In Deutschland wurden doppelreihige Harfen bis ins 18. Jahrhundert hergestellt, die wegen des geschnitzten Davidskopfes, der die Vorderstange zierte, als "Davidsharfen" bezeichnet wurden.

Die Harfen, die heute noch in Südamerika gespielt werden, gehen auf die diatonischen Harfen der spanischen Renaissance zurück, die mit den Jesuiten nach Südamerika kamen. Die „Welsh Triple Harp“, eine große dreireihige Harfe, die in Wales noch als traditionelles Musikinstrument gespielt wird, hat sich aus der Barocken dreireihigen italienischen Harfen entwickelt.

„Hakenharfe“ und Pedalharfe aus Böhmen und Deutschland

Vermutlich waren es Harfenbauer aus Böhmen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die „Hakenharfe“ entwickelten. Um die chromatischen Möglichkeiten der Harfe zu erweitern, wurden kleine Metallhaken am Hals der Harfe neben den Saiten angebracht. Durch Drehen eines Hakens gegen die Saite konnte diese verkürzt und um einen halben Ton erhöht werden.

Aus der Hakenharfe wurde die "Pedalharfe" oder "Tretharpfe" entwickelt. Diese Erfindung wird dem Harfenbauer Jakob Hochbrücker (1673-1763) aus Donauwörth in Bayern zugeschrieben. Schon 1720 befestigte er die Haken an Bowdenzügen, die durch den Klangkörper zu den Fußpedalen führten. Die Füße konnten dadurch das Verkürzen der Saiten übernehmen, und die Hände blieben frei zum Spielen. Obwohl im 18. Jahrhundert die Pedalharfe rasch zum Lieblingsinstrument der adeligen Damen Frankreichs wurde, bevorzugten die Deutschen nach wie vor die Hakenharfe für klassische Musik sowie für Hausmusik.

Das Wandern mit der Harfe und die „Harfenjulen“

Die Hakenharfe ist uns hauptsächlich als Instrument der Wandermusikanten aus Böhmen und Deutschland vertraut. Vereinzelt wird schon Mitte des 18. Jhs. von böhmischen Wanderharfnern berichtet. Ende des 18. Jahrhunderts zogen die ersten „Harfenmädchen“ aus Preßnitz im Erzgebirge auf die Leipziger Messe. Ihre Verdienste überzeugten auch andere, ihr Glück mit der Harfe zu versuchen. Preßnitz wurde zur Musikantenstadt und das Gewerbe verbreitete sich rasch durch die umliegenden Dörfer des Erzgebirges, dann auch nach Nechanice in Tschechisch Böhmen, Hundeshagen im Eichsfeld in Thüringen und Salzgitter in Niedersachsen. Meist waren es Frauen, die vom späten 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert alleine, zur zweit oder in Familienkapellen mit der Harfe auf dem Rücken durch ganz Europa und Skandinavien bis nach Afrika, Asien, oder Nord- und Südamerika zogen, um dort Geld für sich und ihre Familien zu verdienen. Sie spielten beliebte Tanzmelodien und sangen die populären Lieder der Zeit. In Wien, Berlin und Hildesheim gab es stadteigene Harfenmädchen oder „Harfenjulen“. Der erste Weltkrieg bedeutete das Ende der Tradition der Wanderharfner und Harfenmädchen. Nur die Hundeshägener Harfenmädchen, die Klingerdilms, reisten weiterhin. Dabei ließen sie ihre Harfen bei Freunden in Duderstadt, schlichen über die Grenze, um im Westen zu verdienen und schlichen nach ein paar Monate wieder zurück bis 1961 als die Grenze zum Westen undurchdringlich wurde.

Die Harfe in den Alpenländern

Neben der walisischen Harfe gilt nur die Harfe in den Alpenregionen als ungebrochene europäische Harfentradition. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts war das Zillertal Zentrum der Tiroler Harfenspieler, die überwiegend Tanzmusik spielten. Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts erhielten diese Harfen einen Pedalmechanismus. Sie behielten die Form der diatonischen Harfen mit dem typisch leicht nach oben gewölbten quadratischen Korpus, und hatten 3-5 Pedale. Später wurde der Korpus hinten aus fünf Spänen gebaut, behielt aber die Wölbung, was der Tiroler Harfe ihren charakteristischen gebogenen Korpus verleiht. Die moderne Tirolerharfe ist nach wie vor eine Einfachpedalharfe. Bis zum zweiten Weltkrieg wurden die Harfen überwiegend von Männern gespielt. Danach gewann die Harfe in Tirol und Bayern an Beliebtheit, und wird heute sowohl von Frauen als auch Männern gespielt.

Die norwegische „Krogharpe“

Die „Krogharpe“ ist eine besondere Harfenform, die in Norwegen bis Ende des 18. Jahrhunderts gespielt wurde. Normalerweise hat sie zwei Klangkörper: einer dient als Klangkörper, der andere als Vorderstange. Wie bei der schottischen und irischen „Clarsach“ sowie anderen mittelalterlichen europäischen Harfen sind die Klangkörper jeweils aus einem Stück Holz ausgehöhlt und mit einem Deckel hinten versehen. Dazwischen läuft ein einfaches Joch. Die Saiten aus Metall sind mit Stimmwirbeln aus Holz in diesem Joch befestigt und mit hakenförmigen Holzknöpfen in den Klangkörper. Der Name "Krogharpe" - "Krückenharfe" oder "Hakenharfe" - stammt vermutlich von diesen Knöpfen, die wahrscheinlich als Schnarrhaken dienten. Trotz ihrer Größe (ca. 120cm) hat die „Krogharpe“ nur ?? bis 19 Saiten. Dies bedeutet, dass die Saitenabstände viel größer sind als bei der modernen Harfe.

Nur eine Beschreibung der Spielweise ist erhalten. In einer Fußnote zu einem Roman, der 1825 verfasst wurde, erklärt der Autor, dass die „Krogharpe“ Ende des 18. Jahrhunderts ausstarb. Sie wäre ähnlich wie die "normale" Harfe, nur mit Metallsaiten versehen, würde wie ein Langeleik (wie das deutsche Scheitholt oder amerikanische Dulcimer) klingen und würde "horizontal" gespielt. Daher die ungewöhnliche Spielposition, die auf dem Foto zu sehen ist.

Vortrag und Harfenpräsentation Nancy Thym
Sa. 12. Mai 12.30 Uhr Flensburg, Musikschule
Eintritt frei!